NICHT GANZ DICHTER !!!
Dirk aus Köln  -  der Texter und Songwriter
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Er sucht Metzgerin

Wenn ich eine Frau kennenlernen will, gehe ich natürlich ins Internet. Das Wichtigste vor dem Betreten eines Chatraums ist die Wahl eines aussagekräftigen Spitznamens. So ein Nickname sollte schon originell sein und möglichst nah an der Realität.  Also logge ich mich ein mit dem schönen Pseudonym „Er16schwanger“. Wie sich das für einen ordentlichen Chatter gehört, ziehe ich mir erst mal die Hosen aus und sitze nackt vor dem PC. Ich betrete sodann den gleichnamigen Chatroom „Nackt am PC“. Ich hoffe, hier nun endlich mein Glück zu finden. Erst mal wundere ich mich, dass niemand mich anschreibt. So tippe ich vorsichtig ins Hauptfenster: „Hallo. Wer will chatten?“. Schweigen. Dann lese ich „lol“. Lautes Lachen. Die Frage „Wer will chatten“ sei  in einem Chat angeblich überflüssig. OK. Da ich schon den ganzen Tag Frust schiebe, kann ich mich leider nicht mehr beherrschen. Hier kennt mich ja niemand – also baue ich meine Aggressionen ab, indem ich schreibe: „Arschlöcher!“. Ich werde aus dem Raum gekickt. Ich bin tödlich beleidigt.

Aber ich logge mich neu ein, dieses Mal als Frau, das hat mir Jasmina18Tabulos so empfohlen. Ich nenne mich „AnkeVonDerTanke“. Sofort öffnet sich ein Dialogfenster. „Stehst du auf pralle Zapfsäulen?“ Herbert45Solo will unbedingt mit mir telefonieren. Komisch, zu dieser Uhrzeit?  Da fordert auch schon „Stecher22x3,5“ ein Rollenspiel ein. Leider stehe ich nicht auf Fantasy. Er lässt aber nicht locker, denn er findet mich „coll“, er fragt nach meiner Handynummer, weil er Angst hat, „das ich ihn verasche“ Stecher22x3,5 will gleich ein Date klarmachen. Er bietet 50 Euro. Nachdem ich eine Minute lang schweige, erhöht er auf 70. Sowas nennt man übrigens TG: Taschengeld, nicht etwa Tiefgarage, wie ich bisher glaubte. Ich denke mir schnell eine Handynummer aus und werde auch schon angetextet von „Er20steht“: „Was machst du gerade? Was hast du an?“. Wahrheitsgemäß antworte ich: „Ich mache gerade Kaffee, und an habe ich meine Kaffeemaschine“.  Er ist enttäuscht und klärt mich über seinen Wunsch nach Abenteuern auf.  Das lehne ich mit dem Hinweis ab, dass ich nicht Indiana Jones bin. Er ist sauer, denn er wollte mich „fiken“ und ich sollte ihm „einen blassen“. Dann werde ich gefragt, ob ich wüsste, was es heißt zu dienen. Ich entgegne diesem Menschen namens „KölnerDom41“, dass ich leider Pazifist bin und  frage ihn, ob er religiös ist: „KölnerDoom“??  Doch er gibt sich als dominant zu erkennen. Brav antworte ich ihm „Jawoll, mein Herrchen“. Also echt nur Deppen hier! Irgendwie scheine ich nicht die richtigen Leute anzuziehen. Woran das wohl liegt? Ich mache doch gar nichts falsch.

Dann ein Hoffnungsschimmer: „Na, woher und wie alt biste?“ Klingt endlich mal nach einem vernünftigen Einstieg ins Gespräch. Die Fragen von „ErSuchtMetzgerin“ sind irgendwie außergewöhnlich: „Hast du Mut?“, „Gehst du oft zum Metzger?“. Dann aber plötzlich „Schlachtest du gerne Tiere?“. Ich entgegne: „Nur sehr ungern. Ich kann kein Blut sehen“. Er wird konkreter: „Ich schaue gerne Frauen zu, die schlachten“. Wie bitte? Er erklärt, dass ihn diese Vorstellung erregt. Oh nein. Schon wieder so ein abartiger Spinner, denke ich und ignoriere ihn. Der nächste bitte! Innerhalb von nur fünf Minuten lerne ich, dass CS für Cybersex steht, dass TV aber nicht Fernsehen bedeutet, sondern Transvestit, ein DWT ist ein Damenwäscheträger und ein RSP ist ein Rollenspiel! Ok, dass muss man wohl wissen. Aber wo bin ich denn hier eigentlich gelandet? Ich suche doch die große Liebe, aber nicht sowas!

Was nun? Ich wähle die Nummer meines Therapeuten und führe mit ihm ein siebenstündiges Telefonat. Am Ende steht mein Plan, dass ich zurückschlagen werde. Ich werde sie alle verarschen! Alle! Ohne Ausnahme!

Es ist inzwischen 4:37 Uhr nachts.  Ich ziehe mir einen ordentlichen Flachmann rein.  Euch Chatter kann man auch nur besoffen ertragen!  Ich wähle mich noch mal neu ein. Meine ersten Gehversuche in einem ostdeutschen Chat scheitern leider grandios, dabei hatte ich meine Nicknames doch extra an die Region angepasst: „Er30sächselt“,  „QuasiDieStasi“. Doch als langjähriger Poetry Slammer, Dichterfürst und Rampensau versuche ich es schließlich mit dem schöngeistig anmutenden Pseudonym „PoesieOhneEnde“ und verirre mich in den Channel „30+“. Nach einem längeren Dialog mit  „DevoteSenfgurke27“ über das Thema Fesselspiele treffe ich auf Nicki74. Sie erklärt mir, dass sie mir ihre „Handynumer“ nicht geben will, da sie schlechte „Erfarrungen gesamelt“ hat. Sie sagt „soory.“ Da ich aber langsam mal zur Sache kommen muss, widme ich ihr folgenden kunstvollen Vers, in Großbuchstaben: „Ich chatte hier mit Nicki, ich suche einen Quickie, wir gehn aufs Klo von Dixie. Was mach ich wohl? Ich f…. sie“. So, das wars. Gekickt. Ich kann auch diesen Raum nicht mehr betreten. So ein Mist! Die sind hier wohl ganz schön spießig. Irgendwie ist das hier anders als beim Poetry Slam! Zu guter Letzt versuche ich es noch mit dem Channel „Christsein heute“. Als ich dort erkläre, dass ich unten ohne chatte, fallen die anderen vom Glauben ab. Ich werde verbannt.

Tja, nun bin ich also aus sämtlichen Chaträumen rausgeflogen, obwohl ich doch eigentlich so ein lieber, harmloser, normaler Mensch bin. Wie ungerecht ist diese Welt. Aber eine letzte Aktion unternehme ich noch. Ich lege mir mein eigenes Profil zu. Ich will meiner Community – d.h. meinen Freunden - beweisen, dass ich gar nicht so bin wie alle denken. Ich registriere mich also mit dem Namen „SchönerSchein30“, stelle ein Bild ins Netz, das nicht von mir ist - natürlich nur aus reiner Vorsicht -     und schreibe folgenden Text in mein Profil:

Nein, ich suche keinen CS.
Nein, ich suche keinen TS.
Nein, ich will kein Nacktbild.
Und nein, ich will dir auch kein Nacktbild schicken.
Nein, ich stehe nicht auf Windeln.
Und nein, ich schlachte keine Tiere.
Nein, ich will nicht zuschauen, wie du dir einen runterholst.
Nein, ich will nicht dienen. Dir schon mal gar nicht.
Nein, ich mag kein Rollenspiel.
Und ich will auch kein Taschengeld und auch keine Tiefgarage.
Nein, ich will auch nicht angepisst werden und will dich auch nicht anpissen.

 Ich denke, damit sind alle eure Fragen beantwortet. Sollten wider Erwarten doch noch Fragen offen geblieben sein, so dürft ihr mich gerne anschreiben.

So, das war eine Ansage. Ich fühle mich jetzt richtig stark und bin zum ersten Mal im Leben richtig glücklich. Das werde ich morgen meinem Therapeuten erzählen. Der chattet übrigens auch und nennt sich „Psycho53Geil“. Damit mir das Chatten in Zukunft mehr Glück bringt als bisher, habe ich auch schon einen Entschluss gefasst: Nächstes Mal bleibt die Hose an. Ich hoffe, das hilft. Und jetzt muss ich aber los. Muss Hackfleisch kaufen. Bei meiner Metzgerin.